Meine Arbeit in der Polizeiseelsorge
Nachdem ich die Pistole auf den Tisch gelegt hatte, herrschte gespannte Stille im Raum. Mein Einstieg in die Polizeiseelsorge hätte von Gott nicht effektvoller gestaltet sein können. Nachdem ich durch die Landeskirche mit dem Zusatzauftrag Polizei- und Notfallseelsorge betraut worden war, hatte ich mich bei der Polizei zu mehreren Tag- und Nacht-Dienstschichten eingefunden. Genau vor der ersten Tagschicht gab mir eine alte Dame aus der Gemeinde eine scharfe Pistole, die sie in einem geerbten Möbelstück gefunden hatte. Ohne, dass ich weitere Informationen zu der Dame und zum Hergang gemacht habe, legte ich nun an diesem Montagmorgen um 06.00 Uhr in der Früh die Waffe bei der Besprechung der Einsatzlage auf den Tisch. Die mehr als verdutzten Gesichter der Beamten sehe ich heute noch vor mir. Es war für die meisten von ihnen sehr ungewöhnlich, dass nun mit einem Mal ein Pfarrer in ihrer Mitte auftauchte. Da wurde ich schon mal beargwöhnt, ob ich nun der schwarze Politoffizier sei. Der überwiegende Teil der Beamten war durch ihre Berufswahl gezwungen worden, aus der Kirche auszutreten. Was sollte da auf einmal so ein Pfarrer? Nun kam der auch noch mit dieser Geschichte von der Oma und der Fundwaffe. Ein halbes Dutzend Mal hat der Dienststellenleiter im Laufe des Tages versucht, aus mir noch mehr Informationen über diese Waffe und den Hergang herauszuholen. Dass ich mich jedes Mal auf´s Neue, wie schon bei der Morgenlage, auf mein Dienstgeheimnis berufen habe, hat Eindruck gemacht. Der Dienststellenleiter hat sich sogar über die Gesetzeslage informiert und musste dann einsehen, dass wir Geistliche wirklich dieses außerordentliche Recht, ja diese Pflicht, des Dienstgeheimnisses haben. Es gibt zwar auch bei den Ärzten und Journalisten an das Dienstgeheimnis sich annähernde Regellungen, aber im Extremfall kann der Staatsanwalt die ärztliche und journalistische Schweigepflicht außer Kraft setzen und die Personen zur Aussage zwingen.
Genau dieses Dienstgeheimnis ist die Mitte meines Auftrages bei der Polizei. Damit stehe ich den Kollegen zur Verfügung. Denn es kann für einen Polizisten sehr leicht sein, dass gegen ihn selber auf einmal ermittelt wird. Wenn der extremste Fall eintritt, erfolgt diese Ermittlung zum Beispiel sofort, sobald er von der Schusswaffe Gebrauch machen musste. Von der Organisationsstruktur her bin ich für den Bereich der Polizeidirektion Suhl als Seelsorger tätig. Das schließt die Polizeiinspektionen Meiningen, Suhl und Bad Salzungen sowie die Kriminalpolizeiinspektion und die Verkehrspolizeiinspektion mit ein. Regelmäßig bin ich auch in der Polizeischule des Landes Thüringen in Meinigen. Natürlich bin ich auch Mitglied im Polizeiseelsorgebeirat des Freistaates Thüringen und als hessischer Pfarrer gehöre ich von Amts wegen auch zum hessischen Polizeiseelsorgebeirat. Neben den persönlichen Seelsorgegesprächen erteile ich in den jeweiligen Dienstgruppen berufsethischen Unterricht.
Unterrichtsthemen sind unter anderem „Umgang mit Stress“, „Überbringung einer Todesnachricht“, „Umgang mit dem Tod“. Außerdem gibt es ein ausgezeichnetes Seminarangebot durch unseren Thüringer Landespolizeipfarrer, zu dem ich regelmäßig einlade. Wenn ich oben von der Mitte meines Auftrags im Blick auf das Dienstgeheimnis gesprochen habe, dann mag das für einige von Ihnen befremdlich wirken. Müsste nicht die Mitte meines Dienstes Jesus Christus sein? Selbstverständlich ist Jesus der, der mich in diese Dienststellen schickt und auch dorthin begleitet, selbst wenn ich seinen Namen zugegebenermaßen nicht immer auf den Lippen trage. Aber ich bin immer durch mein Pfarrerhemd als Geistlicher zu erkennen und wenn ich das Gefühl habe, dass es stimmig ist, biete ich ein persönliches Gebet an. Wichtiger Maßstab ist für mich dabei, dass es wirklich in diese Situation hineinpasst. Oft erlebe ich große Dankbarkeit für dieses Gebetsangebot. Als eine große Herausforderung habe ich zum Beispiel die Bitte von Angehörigen eines jungen Polizisten empfunden, dessen Trauerfeier vollkommen ohne Glaubensbezug zu halten. Lange habe ich über diese Trauerfeier gebetet. Worte aus dem „Kleinen Prinzen“ wurden mir dann zum Predigtext. In der Trauerhalle in Suhl hatte ich nach Rücksprache mit den Angehörigen eine Sandschale in Kreuzesform aufgestellt, in die die Trauernden Kerzen stellen konnten. Es war eine weltliche Trauerfeier und ich habe darunter gelitten. Wie schade ist es zum Beispiel, wenn man ohne den Segen auseinander gehen muss… Und doch war es eine umbetete und gesegnete Feier und Gott hat so manches Herz angerührt, wie ich in den nachfolgenden Seelsorgen erleben kann. Zum zeitlichen Umfang ist zu sagen, dass diese Beauftragung durchschnittlich einen Tag pro Woche umfasst.
Pfarrer Christoph Nordmeyer